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Antisemitismus bei Marx? (Seite 1)



Religionen der Juden und der Christen und die bürgerliche Gesellschaft


Weil das reale Wesen des Juden in der bürgerlichen Gesellschaft sich allgemein verwirklicht, verweltlicht hat, darum konnte die bürgerliche Gesellschaft den Juden nicht von der Unwirklichkeit seines religiösen Wesens, welches eben nur die ideale Anschauung des praktischen Bedürfnisses ist, überzeugen. Also nicht nur im Pentateuch oder im Talmud, in der jetzigen Gesellschaft finden wir das Wesen des heutigen Juden, nicht als ein abstraktes, sondern als ein höchst empirisches Wesen, nicht nur als Beschränktheit des Juden, sondern als die jüdische Beschränktheit der Gesellschaft.

Sobald es der Gesellschaft gelingt, das empirische Wesen des Judentums, den Schacher und seine Voraussetzungen aufzuheben, ist der Jude unmöglich geworden, weil sein Bewußtsein keinen Gegenstand mehr hat, weil die subjektive Basis des Judentums, das praktische Bedürfnis vermenschlicht, weil der Konflikt der individuell-sinnlichen Existenz mit der Gattungsexistenz des Menschen aufgehoben ist."

Hier geht es um Religionskritik. Während die Kritik des Christentums keine Maus mehr hinter dem Ofen lockt, so ist eine Kritik von jüdischen Grundlagen heute ein Politikum erster Klasse. Auch bei den Christen gibt es ein Selbstverständnis, das politisches Verhalten begründet und sich beispielsweise im Parteiprogramm der sogenannten christlichen Parteien findet. Und auch hiervon müssen sich die Menschen befreien, um den ideologischen und damit affirmativen Charakter solcher Religion in ein Bewusstsein der Lebensverhältnisse zu heben, aus dem "unglücklichen Bewusstsein ein Bewusstsein des Unglücks zu machen" und das "Jammertal" zu beschreiben, das in der Religion zur Legitimation zur Beschuldigung der Menschen wird, die es als "Erbsünde" zu ertragen haben. Die geistige Umkehrung der objektiven Gewalten zu Gewalten subjektiven Geistes ist der Inhalt und Sinn des Glaubens, dem "Opium des Volkes", der den "Seufzer der bedrängten Kreatur" zur Hoffnung auf eine Erlösung im Jenseits, zu einem allgemeinen abstrakten Lebenssinn werden lässt. Für jeden Glauben gilt, was Marx zum Judentum schreibt; dass eben die Emanzipation des Gläubigen die Emanzipation der Gesellschaft von der Religiosität ist



Quelle: Karl Marx in Zur Judenfrage (1843)
(Marx-Engels-Werke Bd.1, S. 377)

Verlag: Dietz-Verlag Berlin 1974

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